WER SIND WIR?


 

 

 

Dirk-Uwe Becker

 


Der Künstler und Schriftsteller ist Vorsitzender eines Kunstvereins in Heide/Holstein und des Fördervereins Kunst und Kultur Eiderstedt. Er ist Mitgleid im PEN Trieste sowie in anderen literarischen Gruppierungen und organisiert Ausstellungen und Lesungen in Schleswig-Holstein und Hamburg. Veröffentlichungen in Zahlreichen Literaturzeitschriften und Anthologien im In- und Ausland. Bisher Herausgabe von 6 Lyrikbänden. Mehr unter www.textfabrique51.de 

 

Im "Goldschatz zu Meldorf" ist er mit der Geschichte "in dunkler Nacht", in der "Küstenliebe" mit den Kurzgeschichten "Herzweg" und "Keine Bordsteinschwalbe..." vertreten. Ebenfalls fünf Geschichten sind von ihm in "MEER & MEHR" zu finden.

 

Hier eine Leseprobe aus "Küstenliebe":


Keine Bordsteinschwalbe …

 

Als der Bus am Pfingstdienstag an der Evers-Druckerei und dem Supermarkt in Richtung Stadtmitte vorbei fuhr, bemerkte Kay das Mädchen zum ersten Mal. Es war kurz nach sechzehn Uhr, die Sonne bereits wieder auf dem Weg Richtung Horizont, als er sie an der Straße sah, angelehnt an einen Peitschenmast der Straßen-beleuchtung. Sie trug Hotpants und ein vor dem Bauchnabel zusammengeknotetes Holzfäller-Hemd, das den Ansatz der Brüste frei ließ. Die Füße steckten in Riemchen-Sandalen. Das karmesinrote Haar fiel ihr wallend über die Schultern und die Hände hatte sie provokativ in die Seiten gestemmt. Kay war von ihrem Anblick gleich wie verzaubert. Die Traumfrau! Hier in Meldorf. Außer dem Dom gibt es doch sonst nichts Interes-santes, dachte er. Bis jetzt. Ein flaues Gefühl stieg von seiner Lendengegend über den Magenbereich bis hoch in seinen Kopf hinauf. Hatte er sich etwa verliebt? Es waren keine Schmetterlinge in seinem Bauch. Es war ein Hornissen-Schwarm, der seine blonden Härchen auf den Armen aufstellte wie bei einer Gewitterentladung. Das Summen des Schwarms in seinem Körper erzeugte ein Gefühl von Kranksein und übermäßiger Freude, wie der Geschmack von süß-sauer, von Brausepulver, das vom Handrücken aufgeleckt wird. Ist das die Liebe, die einzig wahre, die den Kopf verdrehende, die Nächte zum Tag machende, die alles Rationale irrational werden lassende Hingezogenheit zu einem anderen Menschen? Kay wusste es nicht. Dieses Gefühl erlebte er jetzt zum ersten Mal.

 

Jeden Tag, wenn er mit dem Bus diese Strecke fuhr, lehnte sie immer am gleichen Laternenmast, so als ob sie dort auf ihn warten würde. Sie war aber keine Bordsteinschwalbe, keine Nutte, das wusste er. Leichte Mädchen stehen immer etwas angestrengt obszön da, nicht locker und elegant. Sie betonen besonders ihre Rundungen, die ihnen das schnelle Geld einbringen sollen und hätten sich ihre Augen und Lippen mit grellen Farben geschminkt, um auch in der Dämmerung auf sich aufmerksam zu machen. Nein, so eine war sie sicher nicht. Das ganze Aussehen war zwar weiblich herausfordernd, das musste er zugestehen, auf eine andere Weise aber auch wieder zurückhaltend und distanziert. Ihre Augen, die großen, dunklen Augen, die zusammen mit ihren vollen Lippen so verführerisch lächeln konnten, schienen nur ihn anzuschauen. Ein tiefer, dunkler See, zu dem er sich magisch hingezogen fühlte, der ihn verschlingen könnte, ohne dass er Widerstand leisten würde. Ihre langen schlanken Beine erinnerten ihn an einen Zirkel, der elegant seine Kreise über das Papier zog und schwungvolle Arabesken hinein gravierte. Den schmalen Hüften und wohl proportionierten Brüsten hätte kein männliches Wesen widerstehen können. Kay schaute sich verstohlen im Bus um, aber niemand der männlichen Fahrgäste schien Notiz von diesem Wunder der Evolution zu nehmen. Sind die denn alle blind?, fragte er sich verständnislos.

 

Leider hielt der Bus nicht an der Laterne oder in unmittelbarer Nähe des Standortes seiner Traumfrau an. Die nächste Haltestelle befand sich auf dem Südermarkt beim Dom. Von dort zurück wären es knappe zehn Minuten gewesen. Aber Kay konnte sich nicht dazu entschließen, diesen Weg zurück zu gehen. Sein Zug nach Eddelak kam etwa fünfzehn Minuten nach Halt des Busses am Meldorfer Bahnhof an und fuhr nach kurzem Aufenthalt weiter. Die Zugverbindungen auf dem Lande waren schwierig. Trotzdem hätte Kay gerne ein paar Stunden Wartezeit am Bahnhof für dieses Mädchen auf sich genommen. Doch er fürchtete sich. Fürchtete, dass er sich geirrt haben, dass dieses Mädchen sich nicht in ihn verguckt sondern nach jemand ganz anderem Ausschau gehalten haben könnte. Es ist wie dieses Spiel ‚Ich ziehe mir eine Tüte über den Kopf und niemand kann mich sehen, niemand kann mich verletzen’.

 

Am Ende des Monats stand sie nicht mehr da. Die Stelle am Laternenmast war leer, so leer wie sein Herz, das sie sehnsüchtig vermisste. Wäre ich doch nur den Weg zurückgegangen, schalt sich Kay. Ich hätte es tun müssen! Die Chancen hätten 50:50 gestanden. Und er hätte Gewissheit gehabt. Hätte, hätte, hätte! Als der Bus an der Haltestelle anhielt, ging Kay nicht direkt zum Bahnhof sondern lief, so schnell er konnte, den Weg zurück bis knapp vor Evers Druckerei und näherte sich behutsam dem Laternenmast. Zwei Arbeiter der Stadtwerke waren gerade dabei, Papierabfall einzusammeln. „Immer diese wilde Plakat-Kleberei!“, sagte der eine gerade zu seinem Kollegen. „Aber du musst zugeben, es war ein klasse Girl, das sie diesmal drauf abgebildet hatten. Ich hätte mich glatt in sie verlieben können!“, entgegnete ihm der andere. Nachdem die beiden Arbeiter sich entfernt hatten, näherte sich Kay dem Laternenmast. Auf dem Boden lagen noch die Plastikstrapse, mit denen das Plakat am Stahlrohr befestigt worden war. Knapp auf Augenhöhe schien sich eine verwischte Schmiererei in Rot auf dem Metall zu befinden. Noch einen Schritt näher heran - da sah er es: Einen verwaschenen, aber noch deutlich erkennbaren Kussmund. Mit eleganter Hand hatte jemand in Schwarz eine Mobiltelefonnummer darunter gesetzt.

 

 

Jetzt oder nie, dachte Kay!