Marianne Hahn


ist in Brunsbüttel geboren, aufgewachsen und bis heute ihrer Heimat treu geblieben. Seit Jahren schreibt sie Kurzgeschichten, Gedichte, Limericks und Kurzkrimis, von denen einige in Anthologien verschiedener Verlage und Zeitungen veröffentlicht wurden.

 

Neben ihren fünf Geschichten in "MEER & MEHR" ist sie Im "Goldschatz zu Meldorf" mit der Geschichte "Das Vermächtnis", in der "Küstenliebe" mit der Kurzgeschichte "Tausend Schritte" vertreten.

 

Hier eine Leseprobe aus "Küstenliebe":


Tausend Schritte

 

Kristina reckt ihr Gesicht der Sonne entgegen. Sie genießt die orangefarbene Helligkeit, die über ihre geschlossenen Lider tanzt und ein diffuses Muster entstehen lässt. Der Wind, der hier an der Küste allgegenwärtig scheint, streift warm über ihre erhitzte braune Haut und spielt keck mit ihren ungestümen Locken. Rekordverdächtige sommerliche Temperaturen haben den Norden der Republik fest im Griff. Für Kristina eine Zeit, die ihr Jahr um Jahr aufs Neue die Erinnerung an jenen Urlaub vor dreißig Jahren zurückbringt, den schönsten und aufregendsten ihres Lebens. Ihre Gedanken fliegen in die Vergangenheit. Vor ihren Augen erscheint das Bild einer jungen Frau, die aufrecht und stolz auf dem Oberdeck eines Fischerbootes steht und ihren Blick weit über das grüne Wasser der Nordsee schweifen lässt, auf deren Dünung weiße Schaumkrönchen ihr kesses Ballett tanzen. Sogleich spürt Kristina die von der Sonne erwärmten und von unzähligen Sohlen geglätteten Schiffsplanken der „Molly“ unter ihren nackten Füßen. Sie fühlt sich wieder jung und frei, so wie damals, als ihr geordnetes Leben gänzlich aus den Fugen geriet.

Kinderstimmen reißen Kristina aus ihren Gedanken. Sie öffnet die Augen, zwei kleine Blondschöpfe stehen unmittelbar neben ihr und zerren am Henkel eines kleinen Sandeimers, der eine rechts, der andere links.

Kristina schmunzelt: „Na, ihr zwei, wollt ihr Wasser holen? Oder wollt ihr an den Strand und eine Burg bauen?“

Der größere der beiden guckt sie keck an, wogegen der kleinere sofort den Griff loslässt und verschämt auf seine nackten, braunen Zehen starrt.

„Weißt du was, der Timo hat schon wieder seinen Eimer vergessen und nun rennt er immer hinter mir her und will meinen haben“, empört er sich.

„Meinst du denn nicht, dass du ihm deinen Eimer auch mal leihen kannst?“, fragt Kristina.

„Mal sehen“, schmollt er, dreht sich um und rennt im Affentempo den Deich hinrunter. Dabei gelingt es ihm sogar, den kreuz und quer stehenden Strandkörben auszuweichen. Der kleine Timo folgt ihm, sichtlich froh, dem Gespräch mit der fremden Frau entkommen zu sein.

So sind sie halt, die kleinen Rabauken. Kristina muss an ihre eigenen Söhne denken.

Als sie noch klein waren, rannten auch sie mit wachsender Begeisterung den Deich rauf und runter, um abends todmüde ins Bett zu fallen.

Ja, der erste Urlaub in Büsum. Sebastian, ihr Ältester, hatte ständig Bronchitis und der Arzt riet ihnen mehr als einmal, den Ruhrpott mit der Weite der Nordsee und der gesunden Seeluft zu tauschen. Wie begeistert sie doch waren, als sie hier in Büsum ankamen. Wasser, soweit das Auge reichte. Und herrliche frische Luft, die ihrem Großen das Atmen so sehr erleichterte.

Kristina streicht sich eine vorwitzige Locke aus dem Gesicht. Zu ihren Füßen präsentiert sich die Insel der neuen Familien-Lagune in strahlender Helligkeit, das Wasser in den Becken glitzert so faszinierend, als hätten sich Millionen von Edelsteine darüber ergossen, um sich mit ihrer Pracht zu brüsten. Ein wahrlich bezaubernder Anblick. Das Geschrei der Möwen vermischt sich mit dem Stimmengewirr der Leute. Kristinas Blick streift weit über das Wasser bis hin zum Horizont.

Hier in der Perlebucht war sie mit Hauke damals nie gewesen. Ihre gemeinsamen Wege führten stets rauf aufs Meer. Da waren sie beide alleine. Dort war seine Heimat, war sein Leben, von dem er ihr begeistert erzählte. Dabei funkelten seine tiefgrünen Augen wie Bergseen und konkurrierten mit der lebendigen Farbe der Nordsee, auf der die „Molly“ sich ihren Weg bahnte. Als sie vertrauter miteinander wurden, hielt er dabei meist ihre Hand und sie spürte seine Leidenschaft als wärmende Energie bis hinauf zum Herzen steigen. In diesen magischen Stunden gab es weder Vergangenheit noch Zukunft, nur der Moment war allgegenwärtig und ließ sie alles um sich herum vergessen. Kristina lauschte der Wärme seiner Stimme, die sich immer mehr in ihr Herz schlich. Sie beobachtete, wie er am Steuerrad stand und seine Hände die kunstvoll gedrechselten Griffe aus Edelholz liebevoll umschlossen. Sie erlebte ihn in vollkommenem Einklang mit seiner „Molly“, fühlte, dass er und sein Boot ihr eine Geschichte erzählten. So kam, was kommen musste, unausweichlich. Ihr Herz wählte für sie. Hauke schlich sich einfach unter ihre Haut. Alles andere war weg, einfach so verschwunden, als befände es sich auf einem anderen Planeten.

Noch heute, so viele Jahre später, spürt sie den Zauber des Augenblicks in sich aufwallen. Ja, denkt sie, dieser Sommer hatte es in sich.

Kristina sieht auf ihre Uhr. Es wird Zeit, sich auf den Rückweg zu machen. In zwei Stunden soll sie an der Mole sein und bis dahin ist es noch ein gutes Stück Weg zu Fuß. Dort warten ihre Söhne. Doch jetzt will sie allein sein, sich den Wind um die Nase wehen lassen. Dieses herrliche Wetter begleitet sie ein Stück weit auf ihrer Reise in die Vergangenheit. Mit jedem Schritt, den sie macht, kehren Stück für Stück Bilder zurück - wie ein Film, der in Zeitlupe eine Sequenz nach der anderen enthüllt.

Vor dreißig Jahren ging sie diesen Weg nicht alleine. Da war ihre Familie dabei. Ihr Mann Michael, ihre Söhne Sebastian und Tim. Die beiden Jungen waren noch klein und so war selbst hier im Urlaub der Tagesablauf in etwa der gleiche wie daheim in Essen. Das Geld reichte gerade mal für den Campingplatz und hier und da für einen kleinen Ausflug, mehr war nicht drin. Ab und zu der Besuch im Wellenbad, ein Eis oder ein leckeres Fischbrötchen, das sollten damals die Highlights ihres ersten gemeinsamen Urlaubs werden. Nicht dass sie das gestört hätte, nein, im Gegenteil, sie genoss einfach die Freiheit und die Weite der See, die sie bis dahin nur von Bildern her kannte. Von Anfang an spürte sie eine besondere Verbindung zu dieser Landschaft. Schon beim ersten Blick über den Deich, als sie im magischen Zwielicht des beginnenden Tages den Konvoi einiger Fischerboote erblickte, spannte ihr Herz die Flügel auf, erhob sich über die glänzende See wie ein Adler, der majestätisch über seinem Reich schwebt. Die ungemütliche weite Fahrt in dem alten Auto von Essen nach Büsum in der Nacht zuvor wich schlagartig dem Gefühl, angekommen zu sein. Ja, hatte sie gedacht, so muss es sein, wenn ein Schiff im Hafen vor Anker geht.

In der Ferne tauchen die Silhouetten der Fischerboote auf, die nach getaner Arbeit in den sicheren Hafen zurückkehren. Kristina schmunzelt. Sie stellt sich vor, wie sich die Touristen im Hafen tummeln, um das Einlaufen der Kutter nicht zu verpassen.

Genauso wie ihre Familie einst dort stand und die Boote und Besatzungen bestaunte, die ihren frischen Fang anboten. Der weiße Schriftzug „Molly“ auf der dunkelblauen Farbe des hölzernen Schiffsbugs an einem der Boote fiel ihr sofort ins Auge. Oder war es doch eher die Mannschaft, insbesondere der braungebrannte Kapitän? Dieser Mann dort auf den blank gescheuerten Schiffsplanken erinnerte sie an die Glücksritter in den unzähligen Geschichten, die sie als Kind gelesen hatte und die ihr jedes Mal aufregende Träume bescherten. All die großartigen Abenteuer, in denen Seefahrer die unbekannten Flecken dieser Erde entdeckten und keine Mühen und Anstrengungen scheuten, ihren Traum zu leben, wenn die See sie rief wie ein lockendes Weib mit silberhellem Glockenlachen. Dieser Mann auf der „Molly“ ähnelte dem Prinzen ihrer kindlichen Phantasie. Sie konnte ihren Blick nicht von dem wettergebräunten Gesicht hinter dem Steuerrad losreißen. Ihre Gedanken erschreckten sie. Sie blickte zu Michael, der sich mit den Kindern die Ausbeute der Fischer anschaute. Was ging nur in ihr vor? Kristina erkannte sich selbst nicht mehr. Alles, was ihr bisher teuer und wichtig war, war von dieser sonderbaren Begegnung erschüttert worden. Sie wandte sich schnell ab und tat so, als interessiere sie sich für den alten Leuchtturm, dessen imposante rot-weiße Gestalt sich auf der anderen Seite des Hafenbeckens erhob. Ihr Herz klopfte in einem Rhythmus, der ihr völlig fremd war, so, wie sie es vorher noch nie erlebt hatte. 'Was geschieht hier nur mit mir?', war alles, was sie noch denken konnte.

Das Gefolge der Fischerboote nähert sich der Hafeneinfahrt. Hier an der Nordseeküste ist das Ein- und Auslaufen der Schiffe unmittelbar von Ebbe und Flut abhängig. So wie das Leben abhängig ist von dem Auf und Ab des Schicksals, sinniert sie. Kristina kann ihre erwachsenen Söhne als kleine Figuren auf der Mole bereits erkennen, so nah ist sie schon. Eine Sonnenbrille beschattet jetzt ihre Augen und das kleine Rinnsal von Tränen, das der Erinnerung an längst vergangene Zeiten entsprungen sein mag. Doch ihre Lippen lächeln. Es ist eine schöne Reise in die Vergangenheit. Lebhaft erinnert sie sich an den darauffolgenden Tag, nachdem sie Hauke das erste Mal gesehen hatte.

Michael hatte vorgeschlagen, mit den Kindern eine Fahrt mit einem Fischerboot hinaus auf die Nordsee zu machen, so wie es damals und noch heute auf großen Schildern im Hafen angepriesen wurde. Es wehte eine steife Brise, wie man hier an der Küste sagt. Sie erblickte es schon von weitem, das Boot mit dem weißen Schriftzug auf dunkelblauem Grund. Es war die „Molly“, die an diesem Tag ihre wertvolle Fracht von Touristen mit hinauf aufs Meer nehmen wollte. Das Wort „Flucht“ drängte sich in ihre Gedanken. Doch was hätte sie machen können, ohne dass es Michael aufgefallen wäre? Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und ergriff die Hand des blonden Kapitäns, der ihr und den anderen Touristen auf das Deck der „Molly“ half. Bei der Berührung begann ihr Herz sofort wieder heftig zu schlagen, sie senkte die Augen und lief fast panisch an das Heck des Schiffes. Auffälliger ging es nun wirklich nicht, sie meinte, die Augen aller anderen im Rücken zu spüren, doch es schien alles normal. Michael und die Kinder liefen eilig auf dem Boot umher und ließen sich von den zwei Matrosen alles genau erklären. Als sie das sichere Hafenbecken verlassen hatten, spürte Kristina sofort den heftigen Wellengang. Das Vibrieren der Planken unter ihren Füßen kroch ihr bis hinauf in den Magen und ihr wurde schlagartig übel. Sie war seekrank und am liebsten wäre sie sofort an Land gegangen. Doch was sollte sie machen? Der Wind schüttelte das kleine Schiff und Kristina übergab ihr Frühstück den Fischen. Irgendjemand reichte ihr eine Serviette, es war wahrhaftig der ‚Abenteurer ihrer kindlichen Träumereien‘. Sein Lächeln, das beim Reden auch die Augen erreichte, traf in ihr Herz wie ein blumiger Pfeil. Er sagte: „Das geht vorbei, glauben Sie mir – mein Name ist übrigens Hauke.“

So begann ihre heimliche Liebschaft mit dem Mann ihrer Sehnsucht. Hauke bemühte sich sehr um sie und es schien Michael nicht einmal aufzufallen. Ihr Mann, dem sie vor dem Altar die Treue bis in den Tod geschworen hatte, verblasste mehr und mehr in ihrem Herzen und ihren Gedanken. In den nächsten Tagen erfand sie fadenscheinige Ausreden, um auf dem Campingplatz bleiben zu können. Es waren gestohlene Stunden, die sie mit Hauke verbrachte. Mit jedem Augenaufschlag, mit jedem Wort aus seinem Munde wurde Hauke der Inbegriff ihrer Hoffnung auf Erfüllung. Die Familie, diese feste Institution im Leben eines Menschen, geriet plötzlich ins Wanken. Ohne Vorwarnung, so wie ein Erdstoß, der die Grundmauern eines Hauses erschüttert, riss ihr diese Liebe den Boden unter den Füßen weg. Als Michael mit Sebastian und Tim ohne sie einen Tag lang in den Hansapark fuhr – sie sagte, es ginge ihr nicht gut – nahm Hauke sie das erste Mal allein mit hinaus aufs Meer. Die grüne See war spiegelglatt, die Sonne strich wärmend über ihre nackten Körper. Nie hatte sie sich freier, nie inniger geliebt gefühlt. Zärtlich vereinigten sie sich das erste Mal auf den warmen Schiffsplanken, es war, als wäre ihr Körper losgelöst vom Rest der Welt. Seine vom salzigen Meerwasser aufgerauten Hände erkundeten ihren Körper wie ein Reisender ein neues Land. Es war der schönste Tag in ihrem Leben.

Sebastian und Tim sitzen auf der hölzernen Bank, die um den kleinen roten Leuchtturm herum gebaut ist und sehen ihr entgegen. Vielleicht wissen sie, was heute in ihrer Mutter vor sich gegangen ist. Sie lächeln, stehen auf und nehmen die Mutter liebevoll in ihre Mitte. Alle drei gehen zum schmalen Geländer, das sie von der Weite der Nordsee trennt. Der Schiffs-Konvoi hat die Hafen-Einfahrt erreicht. Die drei Menschen auf der Mole sehen ihm entgegen und entdecken im Gefolge den weißen Schriftzug auf dunkelblauen Grund am Bug eines Kutters. Je näher er kommt, desto besser erkennen sie den Kapitän mit den gelockten grauen Haaren, der mit seinen rauen Händen das Steuerrad der „Molly“ bewegt. Als er noch näher kommt, winkt er und in seinem Gesicht breitet sich die Freude des Wiedersehens aus. Es ist Hauke, der seine Familie dort auf der Mole begrüßt. Er ist wieder zu Hause.