Sebastian Pawlick


geboren 1989, lebt in Heide.

Als Ausgleich zu seiner Tätigkeit als Bankkaufmann und freiberuflicher Dozent schreibt er Kurzgeschichten und Lyrik, arbeitet zur Zeit fleißig an seinem ersten Roman und betreibt zwei eigene Blogs.

 

Auch von ihm stammen fünf Beiträge zur Anthologie "MEER & MEHR". In der "Küstenliebe" ist er mit den Kurzgeschichten "Der Schmetterlingsschwarm" und "Blind Date" vertreten.

 

Hier eine Leseprobe aus "Küstenliebe":

 


Blind Date

 

Ein Blind-Date. Vorher ein paar Whatsapp-Nachrichten für die Vereinbarung des Treffpunktes. Auf dem kleinen Foto oben rechts sieht sie verführerisch aus. Sepia funktioniert halt überall, denke ich mir, während ich die Friedrichstraße entlang schlendere. Der Ort, an dem zwei Seelen sich treffen sollen und verkuppelt durch die Dating-Apps Tinder, Lovoo & Co. ihre Einsamkeit aufzugeben versuchen, wird heute der Marktpirat sein. Ein angehendes In-Lokal in dem Ort, in dem meine Kindheit an mir vorbeihuschte, ich eine Ausbildung zum Industriekaufmann machte und seit einigen Jahren vor meinem PC in einer internen Abteilung arbeite.

Na ja, ihre Rechtschreibfehler waren wohl ungewollt, einfach nur vertippt oder zu schnell geschrieben; muss ja auch so gehen! Nicht jeder kontrolliert Geschriebenes. Nicht jeder. Ich schon. „Made my day“ diagnostizierte vor kurzem mein Leid bei Facebook: Grammatik-Pedanterie-Syndrom. Ich muss aufhören, so ein Klugscheißer zu sein.

Sie meinte, dass wir uns nicht dort treffen sollten. Die Gefahr sei zu groß, dass man Mitmenschen trifft, die man zu kennen glaubt. Sie schickt immer diese Affensmileys mit den Händen vor den Augen, wenn sie so etwas schreibt. Affensmileys. Nun treffen wir uns doch dort. So schlimm werde das schon nicht, sagte ich. Es sei ja eine komische Uhrzeit.

Der Mann ist natürlich früher da als die Dame; so soll es doch auch sein. Nur die besten Freunde und Freundinnen wissen Bescheid und drücken die Daumen, dass beim sechsten Blind-Date via Dating-App endlich die „Richtige“ dabei ist. Tick Tack Tick Tack ... Sobald ich das Restaurant betreten habe und zu dem von mir reservierten, viel zu kleinen Tisch manövriert werde, habe ich das Gefühl, ein anderer zu sein, die Gestalt gewechselt zu haben.

Nervös holt er seine Uhr unter dem Ärmel hervor und versteckt sie wieder. Wie spät war's nochmal? Zu flüchtig. Und wieder ein Blick. Wo bleibt sie denn? Dann betritt eine Dame die Lokalität. Scheiße, so sieht die aus?, denkt er sich. Sie geht zum Kellner, eine Diskussion oder ein kleines Gespräch entsteht. Grimassen werden gezogen. Sie lacht. Und geht. Ausatmen. Erleichterung. Danke, murmelt er in die Speisekarte im Buchformat, die sich anfühlt wie eine schlecht gebundene Schülerzeitung. Die Seite mit den Desserts ist bereits lose.

Fünf Minuten und fünfzehn Ärmelzupfer später betritt eine blonde Frau das Lokal. Ja, doch. Nett. Wieder: Diskussion mit dem Kellner, diesmal: Er zeigt auf mich. Sie muss es sein. Danke, danke, danke! Die ist ja doch hübsch. Sepia hätte sie gar nicht gebraucht. Aufstehen sollte ich jetzt, oder? Ist wohl besser, macht einen schöneren Eindruck. Er rutscht aus seinem Stuhl heraus, den er beinahe als Schlafsofa missbraucht hätte.

Sie hat eine tolle Taille, schlank, kurvig. Dann wandert sein Blick zu ihrem Gesicht. Große, braune Augen, voller und zarter Mund. Roter Lippenstift. Gewisses nuttiges Flair, aber nicht störend. Nicht zu aufdringlich; eine dezente Form der Nuttigkeit.

Zwei Schritte vor dem Tisch biegt der Kellner nach rechts ab und verlässt die Szenerie. Umarmen? Händeschütteln? Oder doch nur die Hand heben? Es wird diese peinliche Mischung aus Einer-umarmt-einer-gibt-die-Hand. Sie setzen sich.

Was dann folgt ist eine Aneinanderreihung von hohlen Bla-Blas und idiotischen Floskeln. Schön, dass wir es endlich geschafft haben, uns zu treffen. Ja, finde ich auch. Was machst du denn beruflich? Ach, das ist ja spannend. Und was hast du sonst so für Hobbys? Oh, das ist toll, das macht ein Bekannter von mir auch. Aha, ja ... Und wo wohnst du? Ist ja witzig, ich wohne zwei Kilometer entfernt. Komisch, dass man sich noch nie getroffen hat, was? Ja … das stimmt. Er ertappt sich dabei, dass er Fragen stellt, die bereits bei Whatsapp besprochen wurden. Sie scheint es nicht zu merken.

Sie sieht unglaublich toll aus. Was für ein Fahrgestell! Seine Fantasie begibt sich auf Wanderschaft. Doch dann: Wie eine einzige Frage den Eindruck eines Menschen doch verändern und vernichten kann.

„Was liest du denn gerne für Bücher?“

„Bücher? Nee, finde ich total langweilig. Will ja auch ein paar Bilder gucken!“

Hohles, hohes Lachen ertönt im Lokal.

„Ich lese nur Zeitschriften!“

„Ja, schön“, versucht er die Situation zu retten, „und was für welche? Stern? Spiegel? Focus?“

„Was? Nein, nein, InTouch, Closer, und so. Politik finde ich langweilig.“

Mit jedem Gesprächsthema mehr und jedem weiteren gesagten Wort wird sie unattraktiver, hässlicher und uninteressanter. Dummerweise muss man sich in einem fortlaufenden Gespräch notgedrungen über gesellschaftliche Themen unterhalten. Wenn das nicht wäre, hätte sie immer noch ihre Aussehenspluspunkte. 5 von 5. Wie bei amazon. Warum gibt es so etwas eigentlich nicht für Menschen? So eine Art Internetplattform, auf der man seine Mitmenschen rezensieren kann. Ein Diskussionsforum über die schlechten Eigenschaften des Ex-Partners. Heutzutage doch alles möglich! Gibt es sicherlich auch. Seine Gedanken schweifen zu seiner Ex-Freundin zurück. Ob sie auch etwas über mich da reinschreiben würde, denkt er.

„Warst du denn wählen?“

„Nee, nee, die machen doch so oder so, was sie wollen.“

Seine Innereien verdrehen sich zu einem matschigen Klumpen. Wut steigt in ihm hoch. Er kann diese geballte Dummheit auf zwei Beinen, dieses wandelnde Vakuum nicht fassen. Jetzt könnte mir gegenüber auch meine Schwester sitzen, schießt es ihm durch den geistig lädierten Schädel. Schwesterchen ist genau so asexuell wie Königin Hirnlos hier. Wie ein einzelner Mensch nur so viel verbalen Müll ausspeien kann; und das innerhalb so kurzer Zeit. Er nickt und hört ihrem Geplärre lächelnd zu. Ach, morgen muss ich dran denken, dass ich noch die Soll-/Ist-Analyse bearbeite. „Hmmm … hmmm … ja, ja … richtig.“

Er verspürt den unstillbaren Drang, auf seine Uhr zu schauen. Aber das wäre unhöflich. Oder? Nein, das machen die Leute doch normalerweise auch im Gespräch. Aber bei einem Abendessen? Was Knigge dazu wohl zu sagen hätte? Ich weiß nicht so recht.

Seine gesamte Aufmerksamkeit wandert zu dem Hemdsärmel. Wenn ich den Arm jetzt ein bisschen anwinkeln würde, dann würde sich das Hemd ja nach hinten schieben und ich hätte freien Blick auf meine Uhr. Es wären nur ein paar Zentimeter. Ein ganz kleiner Ruck mit dem Arm und die Uhr läge frei. Er schaut auf das blau-weiß karierte Muster seines Hemdes. Er starrt es an, fokussiert es mit seinen Augen und versucht, eine Lösung für dieses schier unüberwindbare Problem zu finden. Er schüttelt sein Handgelenk, ganz leicht. Einmal. Zweimal. Und siehe da, beim dritten Mal: Das Hemd bewegt sich, es rutscht ein Stück in Richtung Körper. Es sind nur noch wenige Zentimeter, bis das Ziffernblatt seiner Boss-Uhr zu sehen sein wird. Er muss vorsichtig sein. Fürchterlich vorsichtig. Er fühlt sich wie Sisyphos, kurz vor dem Erklimmen der Bergspitze, peinlichst genau darauf bedacht, seinen gigantischen Stein nicht wieder herunterrollen zu lassen. Er wird es schaffen; nur noch ein einziger, etwas heftigerer Zuck-Reflex und die Uhr wäre frei. Aber das sähe doch beknackt aus! Zuckt der Typ wie ein Epileptiker mit seinem Arm. Nein, nein! Anders ... Kurz bevor er tiefer in seine neue Welt eintauchen kann, meldet sie sich zu Wort:

„Oder was meinst du?“

„Hä?“

Scheiße! Es war klar. Den ganzen Abend stellt sie keine einzige Frage und nun? Mist.

„Was hast du gefragt? Entschuldige!“

Der Abend wird eine Tour de Force. Immer wieder staune ich, wie langweilig ein anderes Leben sein kann. Die anfängliche Erotik ist vollständig verschwunden. Ich betrachte sie und in mir rührt sich nichts. Was für ein versauter Abend. Was für vergeudete Stunden, die ich bei Whatsapp mit ihr verbracht habe. Auf der Suche nach der Nadel im Heuhaufen springe ich anscheinend mit Anlauf in jeden noch so kleinen Scheißhaufen.

Aber nun ist wieder Morgen und ich muss sie irgendwie aus meiner Zwei-Zimmer-Wohnung bekommen. Irgendwie ... Wenn die noch versucht, mit mir zu frühstücken, dann fange ich an zu schreien, ich weiß es, ich fange an zu schreien. Sie muss hier raus! Sie muss weg, bevor noch ein Unglück passiert.

Irgendwie hasse ich es!

 

Es ist jedes Mal das Gleiche.