WER SIND WIR?


 

 

 

Ellen Balsewitsch-Oldach


geboren 1955 in Hamburg, lebt und arbeitet als Autorin, freie Journalistin und Verlegerin in Meldorf / Dithmarschen.

Ihre Kurzgeschichten sind in Anthologien verschiedener Verlage, in Literaturzeitschriften sowie in einem Band mit eigenen Kurzkrimis erschienen. Sie ist Mitglied in mehreren Autorenverbänden und -netzwerken.

Mehr unter www.elbaol.de und www.textfabrique51.de

 

In der  Veröffentlichung "MEER & MEHR" ist sie mit fünf Geschichten, in "Der Goldschatz zu Meldorf"  mit der Geschichte "Gold oder Leben" vertreten, im Titel "Küstenliebe" mit den Kurzgeschichten "An der Schwelle" und "Nach all den Jahren". Außerdem hat sie alle drei Bände in ihrem Verlag, dem elbaol verlag hamburg, herausgegeben.

 

Hier eine Leseprobe aus "Küstenliebe":

 


An der Schwelle

 

Lotta war zwölf. Und das war derzeit auch ihr persönliches Problem. Alle sagten, dass sie viel erwachsener wirke, außerdem hatte sie seit knapp einem halben Jahr regelmäßig ihre Tage und trug einen Büstenhalter, der ihren Maßstäben nach auch durchaus etwas zu halten hatte.

 

Aber Lotta war zwölf. Und ihre Eltern meinten, „das Kind“ müsse mehr an die frische Luft. Sie waren daher auf die absurde Idee gekommen, in der – aus Lottas Sicht – total spießigen Ferienhaussiedlung „Königsfähre“ bei einem Ort namens Tielenhemme, von dem noch nie ein Mensch gehört haben konnte, mitten auf dem platten Land in Dithmarschen, ein Wochenendhaus zu kaufen und jedes sonnig-warme Sommerwochenende dort zu verbringen. Und Lotta musste mit, natürlich.

 

Es war zum Sterben langweilig. Vater lag mit einem Buch im Schatten unter dem Birnbaum, Mutter rackerte sich – nicht ohne verärgerte Seitenblicke auf ihren Mann – mit den Beeten und dem Rasen ab. Lotta fand die Stimmung zum Kotzen (und Gartenarbeit sowieso). Überhaupt war die ganze Sache nicht ihre Idee gewesen und niemand hatte sie gefragt. Dafür durfte sie nun auch noch nur nach vorheriger Abmeldung, ausschließlich innerhalb der Siedlung und mit fester Zeitvorgabe allein unterwegs sein. Genervt streifte sie um die Häuser und Gärten: Die Nachbarn waren meist noch älter als ihre Eltern, sofern man das überhaupt beurteilen konnte, denn überall ragten nur ihre Hinterteile aus den Beeten, während Köpfe und Hände ständig in den Erbeeren, den Kartoffeln und Möhren oder im Unkraut steckten.

 

Erträglicher wurde alles, als Lottas Mutter nicht mehr mitkam und sie die Wochenenden mit Vater dort allein verbrachte. Wie immer lag der den ganzen Tag im Liegestuhl (bei gutem Wetter) oder auf dem Sofa im Haus (wenn es regnete oder zu kalt war) und las. Und Lotta konnte gehen, wann und wohin sie wollte, sofern sie zu den Mahlzeiten pünktlich zurück war.

 

So spähte sie eines Tages an der Zufahrt zur Siedlung über den Eiderdeich und entdeckte den kleinen Anleger mit Motor- und Segelbooten. Zwei Kinder alberten an einem kleinen, offenen Kahn herum und bespritzten sich mit Wasser aus einem Gartenschlauch, mit dem sie vermutlich eher das Boot hätten waschen sollen. „Iiiih!“, kreischte Lotta, als auch sie im Näherkommen von einem kräftigen Strahl geduscht wurde.

Und damit war Lotta in ihrem Elend nicht mehr ganz so allein. Suse und Michel vom benachbarten Bauernhof waren zwar erst acht und zehn, aber eigentlich ganz lustig. Und eines Tages kam auch ihr großer Bruder mit, Rick, dem das Boot gehörte. „Na?“, sagte er zur Begrüßung. „Äh, na ...?“ Zu mehr war Lotta nicht in der Lage. Bei Ricks Anblick, einsfündachtzig, fast schwarzes Haar und eisblaue Augen, hatte es ihr die Sprache verschlagen. Auch sonst wurde an diesem sonnigen Nachmittag nicht viel gesprochen, als sie nebeneinander auf dem Steg saßen, mit den nackten Füße im Wasser plantschten und Steinchen über die Eider hüpfen ließen.

 

Seitdem streifte Rick an den Wochenenden regelmäßig durch die Siedlung und – natürlich ganz zufällig – am Garten von Lottas Eltern vorbei. Ganz zufällig war Lotta meist auch draußen und nach einer verlegenen Begrüßung holte sich Lotta die Erlaubnis ihres Vaters, bis zum Abendessen mit Rick unterwegs zu sein.

Das leerstehende Wohnwagengrundstück direkt auf dem Deich zur Eider war von den Häusern aus nicht einzusehen und bestens geeignet, um heimlich eine Zigarette zu rauchen. Mit Rick trank Lotta dort auch ihr erstes Bier, das er von zuhause mitgebracht hatte.

 

Lotta drängelte so lange, bis ihre Eltern ihr ein Fahrrad schenkten und erlaubten, dass sie mit Suse, Michel und Rick damit zur Badestelle an der Eider fuhr. Sie mussten ja nicht wissen, dass die beiden „Kleinen“ immer seltener mitkamen.

 

Entgegen Lottas Befürchtungen war es also ein großartiger Sommer geworden und – sie hatte sich in Rick verliebt. Für sie war es das erste Mal, dass sie Herzklopfen bekam (wie kitschig!), wenn das Wochenende an der Königsfähre näher rückte. Dabei schlenderten Rick und sie doch bloß immer am Deichfuß entlang zur Fischerhütte und zurück, saßen am Steg oder in Ricks Boot oder versteckten sich zum heimlichen Rauchen und auf ein Bier auf dem Deichgrundstück …

 

Aber Rick war fünfzehn und sie war ja auch erst zwölf. Nur – wie kindlich das klang. Und so hatte sie Rick angelogen, als sie über ihr Alter sprachen. „Dreizehn“, hatte sie mit fester Stimme behauptet.

Der Herbst war zum Glück so milde geblieben, dass Vater auch heute, an einem Sonntag im November, noch ein letztes Mal an die Eider gefahren war, diesmal, um das Haus winterfest zu machen. Auf Lottas Betteln hin hatte er sie mitgenommen.

 

Die letzten Arbeiten am Haus und im Garten waren getan. Bis zur Heimfahrt war noch Zeit. Vater lag auf dem Sofa und schmökerte in einem seiner historischen Wälzer. „Ich geh nochmal nach draußen“, sagte Lotta, schlüpfte in ihren Mantel und schlenderte zum Gartentor. Es war schon dunkel. Mit einem Knoten im Bauch stellte sie fest, dass die Wochenenden hier nun für lange Monate vorbei sein würden. Traurig strich sie über die Metallstäbe der Pforte. Rick war heute nicht vorbei gekommen und jetzt war es wohl auch zu spät. Und kalt. Lotta wollte zurück ins Haus, da quietschten Fahrradbremsen vor dem Tor.

 

„Pssst“, raunte Rick, „kommst du noch mit, eine rauchen?“ „Ja, aber nur ganz kurz“, wisperte Lotta zurück und zog das Gartentor hinter sich zu. „Okay, bloß zum Gemeinschaftsplatz.“ Rick zog sie auf die Fahrradstange und schwankend legten sie den kurzen Weg zurück. Der Platz mit der Teppichstange, den Pfählen für die Wäscheleine und dem Kasten für das Winterstreugut war wegen seiner fahlen Beleuchtung für eine heimlich gerauchte Zigarette sicher nicht der beste Ort, aber eine Hecke am hinteren Ende bot ausreichenden Sichtschutz vor argwöhnischen Erwachsenen-Augen.

 

Schnell, zu schnell waren ihre Zigaretten aufgeraucht. Rick schwieg. Auch Lotta fiel nichts ein, was sie sagen konnte, und sie überlegte, dass sie jetzt wohl besser gehen sollte. Plötzlich zog Rick sie an sich. Automatisch schob sie auch ihre Arme um seinen Körper. Verwirrt drückte sie ihr Gesicht in seine Jacke. Hatte sie auf diesen Augenblick nun sehnsüchtig gewartet? Gefürchtet, dass er nie kommen würde? Oder einfach nur Angst davor gehabt? Den ganzen Sommer hatte sie gerätselt, ob Rick auch in sie verliebt war. Manchmal hatte er sie kurz um die Schultern gefasst, manchmal ihre Hand etwas länger gehalten, wenn er ihr über einen Zaun geholfen hatte oder so ...

 

Mitten in ihren Erinnerungen schob Rick ihr jetzt vorsichtig seine Hand unter das Kinn und hob ihr Gesicht. Oft hatte sie sich diese Szene ausgemalt, so oft, dass sie ganz genau wusste, was kommen würde. Locker formte sie ihre Lippen zu einem Kussmund.

 

Auf das, was jetzt geschah, war sie in keiner Weise vorbereitet. Weit offen legten sich Ricks Lippen mit ihrer nasskalten Innenseite um ihren ganzen Mund. Und als wenn das noch nicht reichte, kreiste auch noch seine Zunge wie ein nasses Weichtier über ihre Lippen. Zum Glück war das Ganze schnell vorbei. Erleichtert drückte sie ihren Mund in das Tuch von Ricks Jacke, bis er wieder einigermaßen trocken war. Nein, loslassen würde sie Rick nicht, nicht diese Nähe aufgeben, auch wenn sie erschüttert war. Wenn das ein Kuss gewesen sein sollte, dann waren Küsse nicht das, was sie sich darunter vorgestellt hatte – das hier war … alles andere als romantisch und viel zu wirklich

 

Und wieder näherte sich Ricks Mund ihrem Gesicht. Diesmal spielte seine Zunge kräftiger an ihren gespitzten Lippen, schien irgend etwas zu fordern. Sie ließ es geschehen und hoffte verzweifelt, es schön finden zu können. Endlich löste sich Ricks Mund. Schweigend genoss Lotta die folgenden Minuten in seinen Armen, bis er noch einmal ihren Mund suchte. Diesmal gab sie die Spannung ihrer Lippen auf. Ricks Zunge kreiste nun um ihre. Zögernd erwiderte sie den Druck. Schon etwas besser, fand sie – aber erst, nachdem auch dieser Kuss vorbei war.

 

Noch ein paar Minuten lang standen Rick und Lotta in enger Umarmung beieinander. Dann murmelte Lotta: „Du, ich muss los, Vater will gleich fahren.“

 

„Okay“, kam Ricks Stimme heiser aus der Dunkelheit, „kommst du nächsten Samstag mit auf 'ne Fete? 'ne Klassenkameradin von mir feiert ihren Geburtstag.“

 

„Nee, geht nicht.“ Lotta hätte heulen können, so freute sie sich über die Frage. „Wir sind heute das letzte Mal hier vor dem Winter – und meine Eltern würden das auch niemals erlauben.“ Schließlich, setzte sie in Gedanken betrübt hinzu, bin ich erst zwölf.

 

„Ach so, na ja. Dann machs gut.“

 

Nach einer letzten kurzen Umarmung lösten sie sich von einander.

 

„Ja, machs auch gut“, sagte Lotta, „dann bis zum nächsten Mal!“

 

Aber als sie ging, fühlte sich alles in ihr nach einem Abschied für immer an.

 

* * *

 

Anmerkung der Verfasserin:

Erst Jahre später hat Lotta erkannt, dass die Siedlung „Königsfähre“ ein kleines Paradies ist und die Menschen, die dort wohnen, freundlich und umgänglich, aber keineswegs spießig sind. Und hätte sie sich damals schon etwas mehr für Literatur interessiert, wäre ihr bewusst gewesen, dass Tielenhemme der letzte langjährige Wohnort der namhaften Lyrikerin Sarah Kirsch und daher keineswegs so unbekannt war ...